Tod und Geburt einer Welt

März 1916

Henri wird acht Tage in Verdun halten.

Acht Tage, die achthundert wert sind. Acht Tage, in denen sich selbst der Begriff der Zeit auflöst, ersetzt durch einen binären Rhythmus – Beschuss, Stille, Beschuss, Stille –, in dem die Stille nur eine Variante des Lärms ist, ein leiserer Lärm, ein Hintergrundlärm aus Krachen, Stöhnen, Dingen, die langsam einstürzen.

Am ersten Tag, dem 27. Februar, werden drei Männer aus dem Zug von einer einzigen Granate getötet. Sie waren in einem Granattrichter neben seinem, fünfzehn Meter entfernt, und die 210er-Granate ist mit der idiotischen Präzision des Zufalls hineingefallen. Es bleibt nichts. Keine Leichen zum Einsammeln, keine Erkennungsmarken zum Bergen. Drei Männer, die da waren und nicht mehr da sind. Verstärkungen vom Herbst, deren Namen Henri kannte, ohne die Gesichter zu kennen – oder die Gesichter, ohne die Namen zu kennen, er weiß es nicht mehr. Der Krieg von Verdun löscht die Einzelnen aus. Er löscht alles aus.

Am zweiten Tag ist der Beschuss so heftig, dass sich sechs Stunden lang niemand bewegen kann. Sechs Stunden auf dem Grund eines Lochs liegen, das Gesicht in der Erde, die Hände auf dem Helm, während die Welt explodiert. Die Granaten schlagen so nah ein, dass die Erde in einem ununterbrochenen, schweren Regen auf sie zurückfällt, vermischt mit Metall und Dingen, die man nicht ansehen darf. Henri zählt aus Reflex die Explosionen, dann hört er auf zu zählen, weil Zählen nichts nützt, wenn die Zahl unendlich ist. Neben ihm weint Lucien Combes, der sechzehnjährige Junge, lautlos, mit offenen Augen, ohne sich zu bewegen. Henri sagt ihm nichts. Es gibt nichts zu sagen. Er legt seine Hand auf den Rücken des Jungen und lässt sie dort, und der Junge weint, und die Hand bleibt.

Am dritten Tag greifen die Deutschen an. Die Infanterie kommt aus dem Rauchnebel und rückt in Wellen vor, graue Gestalten in einer grauen Landschaft, und Henris Zug schießt. Pélissié schießt. Der Schäfer schießt. Marcel schießt. Fayolle schießt. Sie schießen, bis die Läufe der Lebel heiß sind, und sie werfen Granaten, und die Deutschen fallen und andere kommen, und auch die fallen, und irgendwann gehen die Deutschen zurück und die Stille kehrt wieder, diese Totenstille, die keine Stille ist, sondern die vorübergehende Abwesenheit des Unerträglichen.

Nach dem Angriff zählt Henri seine Männer. Alle leben. Er versteht nicht, wie. Der Schäfer hat einen Splitter im Oberschenkel – seinen zweiten, nach dem in der Schulter im Mai 1915. Er weigert sich, nach hinten zu gehen. Er wickelt einen Verband um sein Bein, zieht ihn fest und sagt: „Geht schon.“ Henri sieht ihn an und weiß, dass es nicht gehen wird, dass der Oberschenkel anschwellen, sich vielleicht entzünden wird, aber dass er den Schäfer nicht zwingen kann zu gehen. Lacombe wird bleiben. Er wird bleiben, weil gehen heißt, die anderen zurückzulassen, und die anderen zurückzulassen das Einzige ist, was der Schäfer aus Rocamadour nicht kann.

Am vierten Tag fehlt das Wasser.

Es ist ein Problem, das niemand vorausgesehen hatte oder das alle vorausgesehen hatten, ohne etwas dagegen zu tun. Die Wasserträger kommen nicht mehr durch – die Laufgräben sind zerstört, die Träger werden unterwegs getötet, die Feldflaschen von Splittern durchlöchert. Henris Zug hat seit sechsunddreißig Stunden kein Wasser mehr. Der Durst in der Februarkälte, die zur Märzkälte geworden ist, ist nicht derselbe wie der Durst im Sommer – er brennt weniger, ist heimtückischer, ein langsames Austrocknen des Mundes, des Halses, des Gehirns. Die Männer lecken den Tau von den Wänden des Lochs. Sie trinken das Wasser aus den Pfützen, braunes, fettiges Wasser, das nach umgepflügter Erde und schlimmeren Dingen schmeckt.

Marcel, der Schriftsetzer, der Mann mit den Lösungen, hat eine Idee. Er kriecht zu einem benachbarten Krater, in dem sich Regenwasser gesammelt hat, schmutziges Wasser, aber weniger schmutzig als das in den Pfützen der Schützengräben. In einer Stunde füllt er unter den Granaten drei Feldflaschen, flach auf dem Bauch, eine Feldflasche in jeder Hand und die dritte am Gürtel befestigt. Er kommt mit Schlamm bedeckt und vor Erschöpfung zitternd zurück und stellt die Feldflaschen wortlos vor Henri. Henri sagt: „Danke.“ Marcel sagt: „Ist kein Wasser, ist Kreidesuppe.“ Die Männer trinken diese Kreidesuppe wie Champagner.

Am fĂĽnften Tag verliert Henri einen Mann, den er kennt.

Brousse, den Knecht aus Figeac, den, der lesen konnte, aber so tat, als könne er es nicht, den, der wieder zum Abendunterricht gekommen war und gute Fortschritte machte. Brousse wird von einem Scharfschützen getötet, eine Kugel in den Kopf, in dem Augenblick, als er sich aufrichtet, um einen Blick über den Rand des Lochs zu werfen. Eine winzige Bewegung, ein Zentimeter zu viel, eine Sekunde zu viel, und Brousse kippt rückwärts in das Loch, mit einem runden Loch über dem linken Auge.

Henri sieht ihn an. Er müsste die Leiche durchsuchen, die Erkennungsmarke nehmen, die Papiere. Er tut es. Methodisch, wie man es ihm beigebracht hat, wie er es sich in achtzehn Monaten Krieg selbst beigebracht hat. Die Erkennungsmarke, das Soldbuch, die Briefe. Die Briefe sind von Brousses Mutter, einer Bäuerin aus Figeac, die groß und schlecht schreibt, und Henri steckt sie zu seinen eigenen in die Brusttasche und sagt sich, dass er sie der Mutter später zurückschicken wird, im Danach, und dieses „Danach“ ist ein ebenso absurder Glaubensakt wie alles andere.

Am sechsten Tag wird die Ablösung angekündigt. Nicht durch einen Melder – der Melder ist unterwegs gestorben. Durch ein Signal von einem benachbarten Posten, von Loch zu Loch, von Mund zu Mund weitergegeben. „Ablösung morgen Nacht.“ Drei Wörter. Die schönsten Wörter der französischen Sprache, in Verdun, im März 1916.

Der sechste und der siebte Tag sind die längsten. Weil die Ablösung angekündigt ist, weil das Ende sichtbar ist, weil jetzt zu sterben eine unerträgliche Ungerechtigkeit wäre. Die Männer machen sich kleiner in ihren Löchern. Sie bewegen sich weniger, schießen weniger, sparen alles – Bewegungen, Munition, Atem. Sie warten.

Dem Schäfer geht es schlecht. Sein Oberschenkel ist unter dem Verband auf das Doppelte angeschwollen, die Haut ist heiß, das Fieber steigt. Lacombe sagt nichts, aber Henri sieht trotz der Kälte den Schweiß auf seiner Stirn und wie er die Zähne zusammenbeißt, wenn er sich bewegt. Henri sagt: „Du gehst mit der Ablösung nach hinten.“ Der Schäfer antwortet nicht, was seine Art ist, Ja zu sagen, wenn er nicht Nein sagen will.

Die Katze Verdun ist seit dem dritten Tag verschwunden. Niemand hat sie gesehen. Der Schäfer sucht manchmal mit den Augen in den Löchern ringsum nach ihr, aber die Katze ist nirgends. Vielleicht tot. Vielleicht fort. Katzen überleben oder überleben nicht, und sie schulden niemandem Rechenschaft.

Die Ablösung kommt in der Nacht vom 6. auf den 7. März. Schatten in den zerstörten Laufgräben, frische Männer mit noch nicht toten Augen, die die Männer ansehen, die sie ablösen, und sie nicht als ihresgleichen erkennen. Die, die nach hinten gehen, haben Gesichter aus Erde, Augen aus Glas, Körper, die automatisch gehen, ohne Gedanken, ohne Willen, wie Mechaniken, denen man die Seele herausgenommen hat.

Henri zählt seine Männer beim Abstieg. Von den dreißig seines Zuges bringt er zweiundzwanzig zurück. Acht fehlen. Drei am ersten Tag getötet, Brousse am fünften, ein Verwundeter am dritten Tag abtransportiert, ein anderer am vierten, zwei Vermisste, von denen niemand sagen kann, ob sie tot sind, lebendig begraben oder im Chaos verloren gegangen. Acht Männer in acht Tagen. Und das ist eine gute Bilanz. Die benachbarten Züge haben mehr verloren.

Der Schäfer geht hinkend nach hinten, auf Marcel gestützt. Im Hinterland sieht sich ein Arzt den Oberschenkel an, verzieht das Gesicht und schickt Lacombe zur Ambulanz. Der Schäfer wird auf einer Trage fortgebracht, und als die Sanitäter ihn wegtragen, packt er Henris Arm und sagt: „Die Katze.“ Henri sagt: „Ich finde sie.“ Er weiß nicht, ob es stimmt. Aber das ist, was man sagen muss.

Verdun geht ohne sie weiter.

Die Schlacht hört nicht auf, weil ein Regiment nach hinten geht. Andere gehen nach vorn, nehmen ihren Platz ein, halten, leiden und gehen ihrerseits nach hinten. Pétains noria funktioniert – diese ständige Rotation, die die gesamte französische Armee durch den Fleischwolf von Verdun schickt, Division um Division, Regiment um Regiment. Sie ist effizient. Sie ist menschlich, in dem Sinne, dass die Männer nicht lange genug bleiben, um verrückt zu werden – nicht alle, nicht immer. Sie ist auch monströs, weil sie bedeutet, dass niemand verschont bleibt. Jeder französische Soldat wird wissen, was Verdun ist. Jede französische Familie wird einen Mann in Verdun haben.

Pétain hält. Er hält durch die Artillerie – er hat Batterien am linken Ufer der Maas zusammengezogen, 155er, 75er, Marinegeschütze, und sie feuern Tag und Nacht auf die deutschen Angriffswellen. Er hält durch die Logistik – die Voie Sacrée funktioniert, die Lastwagen fahren, die Munition kommt an. Er hält durch den Willen – diesen kalten, methodischen Willen, der nichts von Joffres Panache hat und alles von der Hartnäckigkeit eines Mannes, der sich weigert loszulassen.

Und die Deutschen erschöpfen sich. Falkenhayn hatte in seiner Logik recht – Verdun lässt Frankreich ausbluten. Aber er hatte sich in seiner Rechnung geirrt – Verdun lässt auch Deutschland ausbluten. Die angreifenden deutschen Divisionen werden ebenso sicher vernichtet wie die verteidigenden französischen. Der Fleischwolf zermahlt beide Seiten. Und niemand kann aufhören, weil aufhören heißt anzuerkennen, dass all das nichts gebracht hat und dass die Tausenden Toten für eine Schlammwüste gestorben sind.

Verdier verfolgt die Schlacht vom Artois aus, durch die Berichte, die Kommuniqués, die Gespräche im Stab. Er ist hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für Pétain und Entsetzen über das, was Pétain tun muss. Verdun zu halten kostet mehr, als Verdun aufzugeben kosten würde – an Männern, Munition, Energie. Aber Verdun aufzugeben ist undenkbar. Das Symbol ist stärker als die Rechnung. Und Verdier, der Mann der Rechnungen, versteht zum ersten Mal, dass Krieg nicht nur eine Sache von Zahlen ist. Er ist eine Sache von Namen. Und Verdun ist ein Name, den Frankreich nicht verlieren kann.

In Lyon weiß Jeanne nicht, dass Henri in Verdun ist. Die Zensur verbietet, die Abschnitte zu nennen. Sie weiß, dass irgendwo etwas Schreckliches geschieht, weil die Zeitungen darüber schreiben – ausnahmsweise lässt die Zensur etwas durchsickern, weil die Regierung braucht, dass das Land weiß, dass das Land mitleidet, dass das Land die Opfer akzeptiert. „On ne passe pas“ wird zur Parole. Verdun wird zu einem heiligen Wort, einem Totem, einem Schrei.

Jeanne liest in der Fabrik während der Mittagspause die Zeitungen. Die Frauen lesen gemeinsam, im Stehen um die auf einer Werkbank ausgebreitete Zeitung, und sie schweigen. Die Kommuniqués sind vage – „heftige Kämpfe im Abschnitt von Verdun, unsere Truppen leisten erbitterten Widerstand“ –, aber das Wort „erbittert“ sagt alles. Erbitterung ist das, was bleibt, wenn man nichts anderes mehr hat.

Rose sagt: „Mein Mann ist so gestorben. Man hat mir gesagt, er habe erbittert gekämpft.“ Das Wort ist in ihrem Mund nackt, seiner Herrlichkeit entkleidet. Die Erbitterung eines sterbenden Mannes hat nichts Herrliches. Sie ist der letzte Reflex eines in die Enge getriebenen Tieres.

Paul ist in den Argonnen, nicht in Verdun. Noch nicht. Jeanne weiĂź nichts davon, aber es ist ein geografischer Zufall, der ihr die schlimmste Angst erspart. Der Zufall ist der einzige VerbĂĽndete der Frauen von 1916.

Am 15. März schreibt Henri an Louise. Der erste Brief seit Verdun. Er ist in Ruhe, in einem Dorf im Hinterland der Meuse, dreißig Kilometer von der Front entfernt, und er kann schreiben, ohne dass seine Hände zittern. Fast.

„Liebe Louise. Ich bin nach hinten gekommen. Ich kann dir nicht sagen, woher, aber du wirst verstehen, wenn ich dir sage, dass nichts von dem, was ich vorher erlebt habe, zählte. Für das, was ich gesehen habe, gibt es keine Wörter. Es bräuchte eine Sprache, die nicht existiert, oder ein Schweigen, das mehr sagen würde als alle Wörter.

Der Schäfer ist verwundet, abtransportiert. Nicht schlimm, hoffe ich. Die anderen halten. Der kleine Lucien hält. Pélissié hält. Marcel hält. Wir sind weniger.

Erzähl mir von deinen Bohnen. Erzähl mir von der Schule. Erzähl mir von der Brücke von Capdenac. Erzähl mir von irgendetwas, das nicht hier ist.“

Louise erhält den Brief am 22. Sie liest ihn und versteht, ohne dass das Wort geschrieben steht, dass Henri in Verdun war. Sie geht hinaus in den Schulgarten, den Garten mit den Bohnen, für den Winter umgegraben, kahl. Sie setzt sich auf die kalte Erde und bleibt dort zehn Minuten sitzen, die Augen auf die leeren Stangen gerichtet, und sucht in sich nach den Wörtern, die das Gegenteil von Verdun bewirken werden.

Sie antwortet noch am selben Abend. Vier Seiten. Die längsten, die sie je geschrieben hat. Sie erzählt alles. Die Schule, die Kinder, die kleine Marthe Bouyssou, die zehn Zentimeter gewachsen ist und anfängt, in verbundener Schrift zu schreiben. Den Garten, den sie im April neu bepflanzen wird, diesmal mit Tomaten, weil Bohnen gut sind, aber Tomaten schön. Ihre Mutter, der es etwas besser geht, die morgens mit einem Schal und einem Hocker in den Laden herunterkommt. Die Katze der Nachbarin, die Junge bekommen hat, fünf Kätzchen, darunter ein rotes, das wie ein Wollknäuel aussieht.

Sie füllt vier Seiten mit der Welt, die noch existiert. Kein Wort über den Krieg. Kein Wort der Klage. Vier Seiten Bohnen, Kätzchen, verbundene Schrift, Tomaten, die kommen werden. Vier Seiten Leben, an einen Mann geschickt, der vom Tod zurückkommt, um ihm zu beweisen, dass das Leben noch da ist, irgendwo zwischen Capdenac und der Brücke.

Am 20. März taucht die Katze Verdun im Quartier wieder auf.

Niemand weiß, woher sie kommt. Sie betritt die Scheune, in der der Zug schläft, mager, schmutzig, das Ohr noch etwas weiter eingerissen als zuvor, und springt auf die leere Pritsche des Schäfers – die von Lacombe, der im Krankenhaus ist – und rollt sich dort zusammen, als wäre sie nie fort gewesen.

Fayolle sagt: „Scheiße.“

Marcel sagt: „Sie hat Verdun mitgemacht.“

Henri streichelt die Katze. Die Katze schnurrt. Es ist ein lächerliches Geräusch, dieses Schnurren, in einer Welt, die zusammenbricht. Es ist das notwendigste Geräusch, das Henri seit Wochen gehört hat.

Am Abend schreibt er Louise ein Postskriptum zu dem Brief, den er schon abgeschickt hat, auf ein Stück Papier, das er in den nächsten Umschlag stecken wird: „Die Katze ist zurückgekommen. Siehst du. Wir kommen zurück.“