Tod und Geburt einer Welt

Dezember 1914

Der Winter richtet sich ein wie ein Besatzer. Er bezieht Quartier in den Schützengräben an der Aisne, mit derselben Brutalität wie die Deutschen im Norden Frankreichs – methodisch, ohne jede Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. In der ersten Dezemberwoche fällt das Thermometer unter null und steigt nicht mehr darüber. Der Schlamm gefriert. Das Wasser in den Feldflaschen gefriert. Die Finger am Verschluss des Lebel kleben am Metall fest, und ein Mann aus dem Nachbarregiment hat dabei die Haut seines Daumens gelassen.

Henri trägt jetzt alles, was er besitzt, am Leib. Den Mantel, eine Wolljacke, die seine Mutter ihm geschickt hat, einen gestrickten Schal aus einem anonymen Paket – einem jener Pakete von „Kriegspatinnen“, die die guten Damen der Heimat für unbekannte Soldaten zusammenstellen, mit Socken, Schokolade, Tabak und manchmal einem kleinen aufmunternden Zettel, der mit einem Vornamen unterschrieben ist. Der Schal ist blau, schlecht gestrickt, er kratzt. Henri trägt ihn Tag und Nacht.

Der kleine Fayolle hustet. Nicht den trockenen Husten der Kälte – einen feuchten, tiefen Husten, der aus der Tiefe der Brust kommt und nicht weggeht. Der Bataillonsarzt untersucht ihn drei Minuten lang in einem Unterstand, bei Kerzenlicht, und sagt: „Bronchitis. Halten Sie ihn trocken.“ Trocken. Entweder hat der Arzt Humor, oder er hat gar keinen mehr. Fayolle bleibt an der Front, er hustet, steht Wache, isst seine kalte Suppe, und Henri behält ihn aus dem Augenwinkel im Blick, mit der Sorge eines Lehrers, der sieht, wie es einem Schüler immer schlechter geht, und nichts tun kann.

Am 10. Dezember kehrt die Regierung nach Paris zurück. Endlich. Vier Monate in Bordeaux, vier Monate provisorische Hauptstadt, versetzte Minister und Verwaltungschaos. Die Rückkehr ist unspektakulär – keine Fanfaren, keine Parade. Man kehrt zurück, weil Paris seit der Marne gerettet ist, weil die Front hält und weil man Frankreich nicht ewig vom Bordelais aus regieren kann. Poincaré kehrt erleichtert in den Élysée zurück. Viviani kehrt mit Angst nach Matignon zurück.

Denn das Problem lautet jetzt: Was tun? Die Front bewegt sich nicht. Deutschland hält zehn französische Départements besetzt. Belgien steht fast vollständig unter deutschem Stiefel. Und niemand hat eine Lösung. Joffre will angreifen – er bereitet für die kommenden Wochen Offensiven im Artois und in der Champagne vor, „energische Aktionen“, die an den feindlichen Linien knabbern sollen. Verdier liest die vorbereitenden Befehle und rechnet. Um eine von Maschinengewehren und schwerer Artillerie verteidigte Grabenlinie zu durchbrechen, braucht man eine erdrückende Feuerüberlegenheit, eine mehrtägige Artillerievorbereitung und genügend Reserven, um den Durchbruch auszunutzen. Die französische Armee hat nichts davon. Sie hat Mut. Den Mut hat Verdier im August, im September, im Oktober am Werk gesehen. Er weiß genau, wie viele Männer der Mut töten kann, wenn ihm die Mittel fehlen.

Er sagt nichts. Er bereitet die Pläne vor, die man von ihm verlangt. Er macht seine Arbeit.

Mitte Dezember. Joffre beginnt seine erste Offensive in der Champagne. Regimenter stürmen die deutschen Schützengräben nördlich von Reims, in einer Landschaft aus weißer Kreide und kümmerlichen Kiefern. Die Ergebnisse sind die, die Verdier vorausgesagt hatte. Hier ein paar hundert Meter gewonnen, dort verloren. Enorme Verluste für unbedeutende Gewinne. Die Kommuniqués sprechen von „deutlichen Fortschritten“. Die Wirklichkeit ist ein von Granaten umgepflügtes Kreidefeld, übersät mit Leichen in blauen Mänteln, die der Schnee nachts bedeckt und morgens wieder freigibt.

Henri ist nicht in der Champagne. Er ist noch immer an der Aisne, in seinem Abschnitt, in seinem Schützengraben. Aber er hört von der Offensive durch die Ablösungen, durch die Verwundeten, die nach hinten gebracht werden, durch jenes ständige Gerücht, das wie ein Luftzug durch die Laufgräben zieht. Die Männer hören zu und sagen nicht viel. Seit der Marne haben sie verstanden, dass die Kommuniqués lügen und die Wahrheit aus dem Mund der Überlebenden kommt. Und was die Überlebenden aus der Champagne erzählen, ist nicht ermutigend.

Der Schäfer aus Rocamadour fasst die Lage mit seinem bäuerlichen Menschenverstand zusammen: „Man schickt uns für nichts nach vorn und bringt uns mit der Hälfte wieder zurück.“ Henri weiß nichts darauf zu sagen. Genau das ist es.

Und trotzdem. Trotzdem halten die Männer. Das ist das Rätsel des Dezember 1914 – warum halten sie? Sie sind schmutzig, hungrig, durchgefroren, erschöpft, verängstigt. Sie haben ihre Kameraden für Schützengräben sterben sehen, die man am nächsten Tag wieder zurückerobert. Sie wissen jetzt – alle wissen es –, dass der Krieg an Weihnachten nicht vorbei sein wird. Und sie halten.

Henri denkt abends im Unterstand darüber nach. Er denkt darüber nach als Lehrer, als ein Mann, der an Ideen glaubt, und findet keine einfache Antwort. Es ist nicht der Patriotismus – jedenfalls nicht der aus Reden und Fahnen. Die Fahne sehen die Männer nie, sie liegt zusammengerollt in einer Hülle irgendwo im Hinterland. Die Marseillaise singt niemand in den Schützengräben. Was sie hält, ist etwas anderes. Zuerst die Kameraden – man lässt seine Kumpel nicht im Stich, man lässt die nicht fallen, die auf einen zählen. Dann die Gewohnheit – der Mensch gewöhnt sich an alles, das ist seine Stärke und sein Fluch. Und die Angst vor der Alternative – desertieren heißt Kriegsgericht, heißt Erschießung, heißt Schande für die Familie.

Am 14. Dezember schreibt er in sein Notizbuch: „Was uns aufrecht hält, ist nicht das, was man glaubt. Es ist nicht die Idee Frankreichs. Es ist das Gesicht des Mannes neben uns.“

In Lyon lastet der Winter anders auf Jeanne. Der Weg zur Fabrik in Dunkelheit und Kälte, die überfüllte Straßenbahn, in der die Frauen sich schweigend aneinanderdrängen, die eiskalte Werkhalle, in der die Finger an den Metallteilen taub werden. Aber die Berliet-Fabrik stellt weiter ein, die Produktion steigt, und Jeanne ist nicht mehr die Neue. Jede Woche kommen neue Frauen, jünger als sie, verängstigter, und Jeanne ertappt sich dabei, ihnen die Handgriffe zu zeigen, den Rhythmus, die Tricks – wie man die Schieblehre hält, um schneller zu sein, wie man den Hocker verkeilt, damit der Rücken nicht wehtut, wie man dem Vorarbeiter fünf Minuten Pause abhandelt, ohne aufzufallen.

Sie ist jemand geworden in der Werkhalle. Keine Vorarbeiterin – Vorarbeiterinnen gibt es nicht, die Vorarbeiter sind alle Männer, ausgemustert oder zu alt für die Front. Aber jemand, an den die anderen sich wenden. Jeanne Vauterin, die Frau des Eisenbahners, die nicht viel redet, aber weiß, wie es geht.

Paul schreibt seit November häufiger. Seine Briefe sind kurz, sachlich, stellenweise zensiert – Wörter, die der für die Post zuständige Offizier mit blauem Stift durchgestrichen hat. Jeanne liest zwischen den Streichungen. „Wir sind an einem Ort, den ich nicht nennen darf. Es regnet. Das Essen ist schlecht. Ich habe einen guten Kameraden, einen aus Saint-Étienne, der mich zum Lachen bringt.“ Es ist wenig. Es ist ungeheuer viel. „Ein guter Kamerad, der mich zum Lachen bringt“ – das heißt, dass er noch lachen kann, und mehr muss Jeanne nicht wissen.

Am 20. Dezember bekommt sie einen Brief von Henri. Den ersten seit Oktober. Henri schreibt ihr nicht mehr so oft wie früher – seine Briefe gehen jetzt an Louise, Jeanne weiß es, ohne dass er es sagt, und sie nimmt es ihm nicht übel. Ein Mann, der im Krieg jemanden findet, dem er schreiben kann, ist ein Mann, der einen Grund hat zu überleben, und Jeanne will mehr als alles andere auf der Welt, dass ihr Bruder überlebt. Aber der Dezemberbrief ist für sie. Darin spricht Henri zum ersten Mal über den Krieg – nicht über die Kämpfe, nicht über die Toten, sondern über die Landschaft. „Das Land hier ist flach. Kein Causse, kein Hügel. Felder, so weit man sehen kann, und Pappeln, die keine Blätter mehr haben. Es ist schön, auf eine Art, wenn man vergisst, was darin ist.“

Jeanne liest das und weint, lautlos, in der Küche in Vaise, dann putzt sie sich die Nase und stellt die Suppe zum Wärmen auf.

Weihnachten.

Das Frankreich des Dezember 1914 versucht, daran zu glauben. Die Zeitungen veröffentlichen Botschaften der Hoffnung, die Rathäuser organisieren Sammlungen von Paketen für die Soldaten, die Schulkinder machen Zeichnungen und schreiben Briefe, die bündelweise an die Front geschickt werden. Louise lässt ihre Schüler in Capdenac-Gare zeichnen – „eine Zeichnung für einen Soldaten“ – und legt die besten ihren Briefen an Henri bei. Henri hängt sie im Unterstand an die Holzbalken, mit Nägeln, die er aus den Trümmern eines Bauernhofs geholt hat. Eine gelbe Sonne. Ein Haus, aus dessen Schornstein Rauch kommt. Ein Hund. Die Männer der Gruppe betrachten die Zeichnungen schweigend, und der Schäfer aus Rocamadour berührt einmal mit der Fingerspitze den Hund, als er glaubt, dass niemand hinsieht.

Am 24. Dezember geschieht in Henris Abschnitt nichts Besonderes. Die Suppe ist etwas besser – jemand hat Wein aufgetrieben –, und der Regimentsgeistliche hält in einem eigens dafür erweiterten Unterstand eine Messe, an der Henri aus Prinzip nicht teilnimmt, deren Kirchenlieder er aber von seinem Posten aus hört, von der Kälte herübergetragen, und er findet sie nicht unangenehm.

Weiter im Norden, in Flandern und im Artois, an den von Briten und Deutschen gehaltenen Linien, geschieht etwas anderes.

Der Weihnachtsfrieden.

Er ist nicht organisiert, nicht genehmigt, nicht geplant. Er entsteht von selbst, spontan, in der Nacht zum 25., als deutsche Soldaten in ihren Schützengräben Stille Nacht zu singen beginnen und britische Soldaten mit Applaus antworten. Auf den deutschen Brustwehren erscheinen mit Kerzen geschmückte Tannenbäume. Stimmen rufen in gebrochenem Englisch: „Merry Christmas, Tommy!“ Stimmen antworten: „Merry Christmas, Fritz!“ Und am nächsten Morgen steigen Männer unbewaffnet aus den Schützengräben, gehen in die Mitte des Niemandslands und reichen einander die Hand.

Man tauscht Tabak, Schokolade, Uniformknöpfe. Man spielt an manchen Stellen Fußball – die Legende stimmt, auch wenn die Spiele kurz und ungeordnet sind. Man begräbt die Toten, die seit Wochen zwischen den Linien verwesen. Man zeigt einander Familienfotos. Und für einige Stunden hört der Krieg an Abschnitten der Front auf, weil die Männer, die diesen Krieg austragen, von sich aus beschließen, dass man aufhören kann.

An der französischen Front ist der Waffenstillstand seltener, zerbrechlicher, kürzer. Die Befehle sind streng – keine Verbrüderung, keine Schwäche. Und die geografische Nähe wiegt anders: Die Deutschen sind hier bei ihnen, in Frankreich, in französischen Häusern, in französischen Dörfern, und der Hass sitzt tiefer als bei den Briten, die fern von zu Hause für ein Land kämpfen, das nicht ihres ist. Aber hier und da, selbst an der französischen Front, gibt es Stille. Stunden, in denen niemand schießt. Augenblicke, in denen der Krieg seiner selbst müde wird.

Henri nimmt an keinem Waffenstillstand teil. Sein Abschnitt bleibt aktiv, die vereinzelten Schüsse gehen weiter, und am 25. Dezember um vierzehn Uhr wird ein Mann aus dem Nachbarbataillon von einem Granatsplitter getötet. Weihnachten. Henri schreibt in sein Notizbuch: „Weihnachten. Ein Toter. Abends Reissuppe. Der Schäfer hat gesungen.“

Verdier verbringt Weihnachten in seinem Gefechtsstand. Madeleine hat ihm ein Paket geschickt – eine Flasche Bordeaux, Foie gras, glasierte Maronen. Er teilt alles mit seinen Offizieren, in dem Keller, der als Büro dient, um eine Generalstabskarte herum, die als Tischdecke herhalten muss. Der Bordeaux ist gut. Die glasierten Maronen sind zerdrückt. Die Foie gras ist unversehrt, und in diesem Zusammenhang ist sie ein so extravaganter Luxus, dass sie beinahe obszön wirkt.

Um Mitternacht geht Verdier hinaus in den verwĂĽsteten Garten. Die Nacht ist klar, kalt, voller Sterne. In der Ferne, im Norden, steigt eine Leuchtrakete in den Himmel und sinkt langsam wieder herab, wie ein trauriges Feuerwerk. Dann noch eine. Dann eine kurze Maschinengewehrsalve, und die Stille kehrt zurĂĽck.

Er denkt an seine Kinder. Pierre, elf Jahre. Marguerite, acht. Er hat sie seit August nicht gesehen. Vier Monate. Pierre muss gewachsen sein. Marguerite muss einen Zahn verloren oder einen Preis in der Schule gewonnen oder etwas Neues gelernt haben – und er weiß nichts davon, weil Madeleine schreibt wie er, korrekt, ohne Einzelheiten, ohne Fleisch.

Er geht zurück in den Keller und legt sich auf sein Feldbett. Bevor er einschläft, schreibt er wie jeden Abend in sein Dienstnotizbuch die Lage des Abschnitts, die Mannschaftsstärke, die Verluste. Dann fügt er am Rand in winziger Schrift hinzu: „Das erste Weihnachten des Krieges. Nicht das letzte.“

Der 31. Dezember 1914. Der letzte Tag des ersten Jahres.

Frankreich weiß noch nicht, was ihm bevorsteht. Es weiß, was es verloren hat – dreihunderttausend Tote in fünf Monaten, den besetzten Norden des Landes, die Illusion eines kurzen und glorreichen Krieges. Aber es weiß nicht, was noch zu verlieren bleibt. Es stellt sich noch ein paar Monate vor. Den Frühling, die entscheidende Offensive, den Durchbruch, den Sieg. Die Zeitungen versprechen es. Die Generäle schwören es. Alle wollen daran glauben.

Henri glaubt nicht mehr an viel, auĂźer an Louise. Paul glaubt nicht mehr an viel, auĂźer an die RĂĽckkehr. Jeanne glaubt nicht mehr an viel, auĂźer an morgen frĂĽh.

Und Verdier glaubt an gar nichts mehr, auĂźer an die Zahlen. Die Zahlen sagen, dass der Krieg Jahre dauern wird. Die Zahlen haben recht.

Um Mitternacht schießt jemand an der Aisne-Front eine Leuchtrakete ab. Weiß, dann rot, dann nichts. Neujahr. 1915. Henri steht auf dem Feuertritt, den Blick auf das Niemandsland gerichtet, das von der Leuchtrakete für eine Sekunde erhellt wird, und er sieht den Stacheldraht, die Granattrichter, den schmutzigen Schnee und dahinter die deutsche Linie, genau wie seine, mit Männern genau wie ihm, die in die andere Richtung blicken.

Er ist vierundzwanzig. Er ist Lehrer. Er ist Soldat. Er lebt.

Das Jahr, das beginnt, wird das schlimmste sein.